Technisch abrüsten

Höher!

Schneller!!

Weiter!!!

MEHR DATEN! VIEL!! MEHR!!! DATEN!!!!

 

Ihr kennt es alle. Man will mehr. Man will schneller. Man will weiter. Das liegt wohl in der Natur der Sache und nur die wenigsten schaffen es tatsächlich wirklich „einfach nur so“ aus „Genuss“ zu Laufen. Irgendwas will man immer erreichen und sich und/oder anderen Beweisen. Ziele sind auch gut und bieten einem Motivation, sofern sie richtig gesetzt sind. So ein Ziel, gerade wenn es eines ist, dass nicht direkt vor einem liegt, sondern Wochen, vielleicht sogar Monate oder Jahre an Arbeit verlangt, will natürlich verfolgt werden. Bin ich auf dem richtigen Weg? Ist das was ich mache effektiv? Trainiere ich richtig?

Die Industrie flutet den Markt mit verschiedensten Geräten um sich und seine Umwelt zu tracken und das eigene Training bis ins kleinste Detail zu analysieren. GPS-Laufuhren gehören zum Standard. Brustgurte, bzw. optische Messung für die Herzfrequenz ebenfalls. Nebenbei wird Höhe, Temperatur, über die Auswertungsportale das aktuelle Wetter erfasst. Footpods kümmern sich um die Schrittlänge, -frequenz, die Länge der Flugphase, die Art des auftretens und die Bodenkontaktzeit. Je Fuß natürlich. Seit neuestem sind auch Powermeter für Läufer immer verbreiteter, es gibt Geräte, die live die Sauerstoffsättigung der Muskulatur messen und aufzeichnen. Wo das alles aufhört? Keine Ahnung.

Ich will keines der Geräte schlecht machen, oder deren Berechtigung in Abrede stellen. Allerdings bin ich für mich selbst wieder zurück gegangen. Ich hatte lange eine Polar V800 mit Herzfrequenzmessung per Brustgurt. Die hat tadellos funktioniert und nahezu 100% exakt meine Route aufgezeichnet. Dann kam der Technikfreak in mir durch und wollte mehr. Herzfrequenzmessung am Handgelenk wäre ja schon ganz geil. Boah, und was die neue Uhr (mit dem zusätzlich zu erwerbenden neuen Brustgurt) alles für Daten ausspuckt. Wahnsinn! Dann kam das Weihnachtsshoppingschnäppchen um die Ecke und schwupps: da war die neue Garmin Fenix 5 bei mir. Die Funktionen der Uhr sind der Hammer, Connect IQ ein fantastisches System um nach und nach noch mehr aus der Uhr heraus zu holen. Allerdings stellte sich schnell heraus: den ganzen klimmbimm nutze ich einfach nicht! Mein meistgenutztes Feature – die 24h Herzfrequenzmessung – ist am Anfang tatsächlich interessant, nach wenigen Wochen nutzte ich aber sogar die nicht mehr. Hinzu kam, dass die GPS-Aufzeichnung im Vergleich zur V800 viel ungenauer war.

Also habe ich sie samt Zubehör wieder verkauft und mir wieder eine gebrauchte V800 geholt.

Unterm Strich war es sogar noch ein gutes Geschäft. Und ich habe dadurch viel gelernt. Daten zu haben ist schon schön und gut – nur was sagen mir diese und was mache ich damit? Wenn ich ehrlich bin: nichts. Ich bin – wie die allermeisten – Hobbyläufer. Ich habe keinen Trainingsplan. Ich habe nicht mal einen „in Stein gemeißelten“ Trainingsrhythmus. Ich laufe, wenn ich dazu komme. Mal alleine, mal mit meiner Frau. Oft schiebe ich dabei noch einen Fahrradanhänger vor mir her, der mit einigen Kilo Lebendgewicht (schöne Umschreibung für Kinder, oder? :D) beladen ist. Wie soll ich da denn überhaupt etwas sinnvollerweise vergleichen?

Dennoch entwickele ich mich weiter. Warum? Ich sehe zwei Gründe: Zum einen ist eine gewisse Regelmäßigkeit gegeben (auch wenn mein Mindestziel von 25km/Woche für 2018 wirklich gering ist!). Zum anderen versuche ich jetzt konsequent die 80/20-Regel einzuhalten (Spoiler: es gelingt mir nicht :)), das heißt: 80% langsam, 20% schnell laufen im Training. Wichtig ist hier: Langsam bedeutet langsam. Wirklich langsam. Wie sagt man immer so schön? So, dass man sich gut unterhalten kann. Da ich, wenn ich alleine bin, nicht mit mir selbst spreche habe ich es in „So, dass ich komplett durch die Nase atmen kann“ umgewandelt. Das ist tendenziell etwas schneller, aber trotzdem ein guter Anhaltspunkt. Außerdem wichtig: Schnell bedeutet schnell. Wirklich schnell! Aber viel wichtiger als das ist einfach das laufen gehen an sich.

Denn: „Jedes Training ist besser als kein Training“. Auch wenn man überall mit Trainingsweis- und feinheiten überhäuft wird: Am Ende ist es doch fast egal, solange man raus geht. Wenn man mal statt einer durchschnittlichen Herzfrequenz von 135 bei 143 rum rennt? Ja mei, ist halt so. Das Intervall sollte 4:35min/km sein, wurde aber 4:42? Was soll’s! Es war ein Schritt (mehrere Schritte ;)) in die richtige Richtung. Vielleicht hat man dann von möglichen 100% Trainingseffekt nur 95% erreicht, na und? Das trotzdem Fortschritt da ist erkenne ich neben den mir momentan nicht ganz zu erklärenden guten Wettkampfzeiten aber auch an den letzten Trainingswerten die ich noch beachte. Nimmt man die Läufe mit Fahrradanhänger raus wird die gemessene Herzfrequenz niedriger bei höherem Tempo. Und so schließt sich dann auch der Kreis: Distanz, Dauer (also Geschwindigkeit) und Herzfrequenz sind die einzigen Werte die mich noch interessieren. Ab und zu.

 

Nachtrag: Die Uhr an sich trage ich nun auch nur noch zum Training. Um zu wissen, dass ich unter der Woche zu wenig Bewegung durch meinen Bürojob habe weiß ich, das muss mir kein Activity-Tracker ständig unter die Nase reiben 🙂

2 thoughts on “Technisch abrüsten

  • Huhu.

    Bei vielen technischen Produkten die wir Otto-Normal-Läufer so nutzen ist es wohl mehr ein Nice to have Ding. Ich bin von der Fenix 2 auf die Fenix 5 gewechselt bzw. habe ich sie mir gönnen lassen. 😉 Besonders die Messung am Handgelenk finde ich überaus praktisch. Dieser doofe Brustgurt hat mich schon immer gestört. Ansonsten hast du wohl irgendwo recht, dass die meisten Funktionen unbeachtet bleiben. Dennoch schaue ich mir die Daten recht gern an und möchte einiges davon nicht mehr missen. Sicherlich sind einige Daten nur Anhaltspunkte. Besonders die Aufzeichnung des Stresslevel oder des Schlafes…Hmm.. ob das so genau ist. Ich möchte sie nicht mehr missen und ja, sie würde mir fehlen.
    Grüße Eric

    • Hi Eric,

      Danke für die Rückmeldung! Klar, jeder legt auf was anderes wert und das is ja auch absolut gut so 🙂
      Mich stört der Brustgurt gar nicht, im Gegenteil, irgendwie bin ich dann im „Sportmodus“ 😁 andererseits waren am Handgelenk die Werte einfach falsch-gerade bei intensiven Einheiten. Ob das an mir, der Uhr, wie ich sie festgemacht hatte oder sonstwas lag – keine Ahnung 🤷‍♂️

      Happy running! 😎

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